Tag 23: Der 41 Stunden Tag – Teil 3

Ich liege nun  in dem Hinterzimmer der Gaststätte und versuche zu schlafen. Die Erlebnisse des Tages gehen mir durch den Kopf. Im Laden selbst ist die Hölle los. Besoffene Mongolen, Handys klingeln, der Fernseher und die Gäste schreien um die Wette. Ich bin sehr, sehr müde, doch man müsste Mongole oder tot sein, um hier einschlafen zu können 😉
Kurz nach Mitternacht reicht es mir. Ich muss einen anderen Platz für die Nacht suchen. Vorbei an den starrenden Gästen gehe ich voll beladen raus in die tiefe Nacht.
Tja, du Held … was machst du jetzt? So stehe ich da auf dem dunklen Parkplatz und überdenke meine wenigen Möglichkeiten …
Genau in diesen Moment kommt ein langhaariger Ausländer vorbei. Ich frage ihn wo er hingeht. Er antwortet, dass er nach Ulanbaatar unterwegs ist und hier eine kurze Pause macht. Kurze Zeit später sitze ich eingequetscht auf zwei Benzinkanistern „im Kofferraum“ eines überfüllten Minivans. Für ungefähr 13 Euro erwarten mich 640 km mongolischer Autobahn bis in die Hauptstadt. Wer die Straßenverhältnisse in der Mongolei kennt, kann sich meine Vorfreude auf diese Nachtfahrt vorstellen 😉

Schon nach den ersten Stunden bereue ich meine Entscheidung. Ich leide bei jedem Schlagloch auf diesen verdammten Kanistern. Geschlafen wird diese Nacht nicht mehr. Wir bleiben im Fluss stecken, müssen zwei Mal einen platten Reifen wechseln und zwischendurch macht der Fahrer ausgiebige Nickerchen. Die Stunden vergehen wie in Zeitlupe …

Mit dem Auto in 17 Stunden von Bayangohor nach Ulanbaatar

Der einzige Lichtblick ist meine neue Bekanntschaft. Les – ein entspannter 51 jähriger Waliser mit grauen Dreadlocks und breiten Grinsen. Wir kommen ins Gespräch und er erzählt mir lächelnd eine der traurigsten Geschichten die ich jemals gehört habe:
Vor vier Jahren wollte er mit seinen damals 18 jährigen Sohn auf zwei Motorrädern durch Nord- und Südamerika fahren. Am Ersten Tag, nach nur 32 Meilen, ist sein Sohn verunglückt und im Krankenhaus verblutet. Ein LKW überrollte Ihn, der Fahrer beging anschließend Fahrerflucht …
Nur ein Jahr später überlebte Les einen Motorradunfall nur knapp. Diesmal war ein unvorsichtiger Traktorfahrer im Weg. Er verbrachte Monate im Rollstuhl und hat seit dem in beiden Unterarmen und Beinen Titanplatten, die seine Knochen zusammen halten.

Trotz all dieser Schicksalsschläge ist Les Optimist geblieben und hat nicht aufgehört sein Leben zu leben. Er schrieb ein Buch über seine Erlebnisse und ist gerade mit seiner BMW DAKAR (genau das selbe Motorrad hatte ich auch) auf dem Weg von Großbritannien nach Tibet. Die mongolischen Autobahnen haben ihn aber so fertig gemacht, dass er es nicht mehr schafft mit eigener Kraft weiter zu kommen. An nur einen Tag hat er sich vier Mal mit dem Moped hingelegt. Wenn man bedenkt, wie weit er es mit seinen geschundenen Körper trotzdem geschafft hat – ich ziehe meinen Hut vor dieser Leistung! Les will nun sein Motorrad von Ulanbaatar aus nach Hause verschicken und weiter ohne seine umgebaute BWM reisen.
Ich erzählte ihm von meinen Motorradausflug nach Kasachstan und dass ich gerade dabei bin nach Europa zurück zu kehren. „Hey Les, gib mir dein Bike und fahre damit nach Wales!“ scherzte ich. Er schaute mich kurz prüfend an und antwortete lachend, dass es auf jeden Fall günstiger für ihn wäre …

Die Höllenfahrt durch die wunderschöne Mongolei ging weiter und wir nährten uns schleppend langsam dem Ziel. Nachdem alle anderen Passagiere ausgeladen wurden, erreichten wir nach 17 Uhr ein Guesthouse im Zentrum der Stadt.

Mit dem Motorrad durch die Mongolei fahren Ulanbaatar 2011

Nach der schönsten Dusche in meinen bisherigen Leben (die Erste seit über drei Wochen) konnte ich in ein richtiges Bett steigen und meine Augen schließen.

Was für ein Tag!!!

 

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